Aus dem Leben eines Buches

Es war einmal ein Wanderbuch, das zog los, um seine Geschichte zu erzählen.
Besonders liebte es den Augenblick, wenn die Menschen es aus dem Briefumschlag zogen. Es mochte die freudige Erwartung in ihren Gesichtern und den Moment, wenn sie es sich mit ihm auf der Couch oder im Bett gemütlich machten. Denn jetzt konnte es ihnen endlich die Welt zeigen, die in ihm steckte. Wenn die Menschen sich von ihm verzaubern ließen, mitfieberten, -liebten oder –hassten, dann war es glücklich.

coffee-break-1246993_1280Es erlebte einiges auf seiner Reise. Viele Menschen hatten zum Beispiel die eigentümliche Angewohnheit, heiße Getränke zu trinken, während sie in ihm lasen. Eigentümlich deshalb, weil man als Buch Flüssigkeiten eher skeptisch gegenübersteht. Aber das machte nichts, dafür sind Menschen und Bücher nun einmal verschieden.
Manchmal waren die Menschen so gefesselt von dem, was das Buch ihnen erzählte, dass sie die Tasse nicht richtig ansetzten und etwas von dem Getränk auf ihm landete. Sie schämten sich dann sehr und der nächste Mensch, der das Buch las, schüttelte meist verärgert den Kopf, wenn er die getrockneten Getränkespuren sah.
Dem Buch war das egal. Natürlich könnten die Menschen achtsamer sein, aber es selbst konnte ja immer noch seine Geschichte erzählen, mehr wollte es nicht.

read-in-the-bathtub-day-e1423393437996Das Leben als Wanderbuch war spannend. Einmal zum Beispiel, da lag der Mensch, der es gerade las, in einer riesigen Schüssel mit Schaum, unter dem eine große Menge Wasser war. Das Buch war ein wenig verwundert, dass man sich freiwillig ins Wasser legen konnte, es selbst wollte so etwas lieber nicht machen.
Aber andererseits war es aus Buchsicht auch nur logisch, wenn Wesen, die Flüssigkeiten aus Tassen in sich hineinfüllten, sich ab und an auch ganz in Schüsseln mit Flüssigkeiten hineinlegten.
Nur einmal, da bekam es wirklich einen Schreck, denn der Mensch musste niesen und es wäre um ein Haar selbst im Wasser gelandet. Aber zum Glück ging alles noch mal gut und es bekam nur ein wenig Schaum ab, den man wieder abwischen konnte.

Bei einem anderen Menschen, bei dem es gerade zu Besuch war, erlebte es auch etwas Interessantes. In dessen Wohnung lief nämlich noch ein anderer Mensch herum. Dieser war im Vergleich zu dem ersten Menschen sehr klein und eigentlich lief er auch nicht richtig, sondern wackelte ein wenig unsicher, aber nichtsdestotrotz sehr souverän von hier nach da.
reading-1156865_640Eines Tages entdeckte dieser kleine Mensch das Buch, schlug es etwas umständlich auf und begann, es ziemlich arg mit einem Stift zu kitzeln. Bis der große Mensch es bemerkte und eine riesengroßes Geschrei losging. Von beiden Seiten übrigens.
Das Buch verstand nicht ganz was los war. Es tauschte einen Blick mit dem zerfledderten großen Buch auf dem Tisch, das zwar keine Buchstaben, aber dafür lustige Tiere, Traktoren und Männchen in sich drin hatte, und die beiden zuckten die Schultern. So weit Bücher eben mit den Schultern zucken konnten.

Bald ging es wieder auf die Reise und wenn es jetzt zu einem neuen Menschen kam, dann äußerte sich der eine oder andere schon missbilligend, wenn er die bemalte Seite sah. Aber dem Buch war das egal, denn es konnte seine Geschichte ja immer noch erzählen.
Außerdem hatte es auf seiner Reise schon so viele Schrammen, Knicke, Flecke und Eselsohren gesammelt, das jeder sehen konnte, dass es ein sehr erfahrenes Buch war, das schon viel von der Welt gesehen und viele Menschen mit seiner Geschichte erfreut hatte.

Doch eines Tages geschah etwas, dass das Leben des Buches für immer verändern sollte.
Wieder einmal war es in einem Umschlag unterwegs, der von Menschen in großen gelben Autos in kleine Metallkästchen vor den Haustüren anderer Menschen gesteckt wurde.
Abends zog der Besitzer des Metallkästchens den Umschlag mit dem Buch heraus, nahm es mit ins Haus und öffnete ihn. Das Buch freute sich schon, denn gleich würde wieder dieser schöne Moment kommen, in dem der Mensch es sah und sich die freudige Erwartung auf seinem Gesicht ausbreitete.
So geschah es auch und der Mensch kuschelte sich kurz darauf mit dem Buch auf die Couch, wo es ihn auch sogleich in seine fantastische Welt entführte. Dem Menschen gefiel die Geschichte sehr, aber diesmal hatte das Buch ab und an ein wenig Angst. Denn im Gegensatz zu den anderen Menschen hielt dieser hier ein weißes, mit getrockneten Pflanzen gefülltes Stäbchen in der Hand, das an einem Ende leicht vor sich hinglomm. Besonders dann, wenn der Mensch an dem anderen Ende zog.
cigarette-1359560_640Als Buch hatte es verständlicherweise Angst vor Feuer, aber so lange der Mensch ihm mit dem rauchenden Stäbchen nicht zu nahe kam, konnte es damit leben.
Es geschah auch nichts weiter und so nahm das Buch es einfach als neue Erfahrung, die man mit Menschen eben so macht. Seine Seiten hatten ja nicht einmal Schaden genommen, es hatte keine neuen Flecken oder Knicke bekommen und konnte daher, was das Wichtigste war, weiterhin seine Geschichte erzählen.
Glaubte das Buch.

Wieder wurde es auf Reise geschickt, wieder lag es in einem Umschlag in dem Metallkästchen vor einem neuen Haus und freute sich auf den Moment, wenn der neue Mensch den Umschlag öffnen würde.
Abends war es dann so weit, das Buch spürte, wie es ins Haus getragen wurde und fieberte dem Moment entgegen, in dem es den Umschlag verlassen und den Ausdruck freudiger Erwartung auf dem darübergebeugten Gesicht sehen würde.
Eine Hand griff es, zog es heraus und von einem auf den anderen Moment wandelte sich der Ausdruck freudiger Erwartung in Abscheu. „Puh, du stinkst!“, sagte der Mensch und legte es in eine entfernte Ecke.
Das Buch verstand nicht ganz, was jetzt los war.
Zwar versuchte der Mensch noch ein paar Mal, in das Buch hineinzuschauen, doch immer, wenn es gerade anfangen wollte, seine Geschichte zu erzählen, legte er es angewidert beiseite.
Schließlich steckte er es in einen Umschlag, ohne es gelesen zu haben und schickte es weiter.
Was für ein komischer Mensch, dachte das Buch und glaubte, dass beim nächsten wieder alles so werden würde wie früher. Doch das wurde es nicht.

Das Buch wechselte von Besitzer zu Besitzer, doch alle schauten es nur angewidert an und niemand wollte mehr in die wunderbare Welt zwischen seinen Deckeln abtauchen.
Das Buch verstand nicht, was auf einmal mit den Menschen los war und ließ unglücklich seine Eselsohren hängen. Aber niemand bemerkte es, da es einsam und unbeachtet in einer dunklen Ecke lag und langsam zustaubte.

Seit diesem denkwürdigen Tag konnte das Buch niemandem mehr seine Geschichte erzählen, worüber es sehr traurig ist. Denn es weiß nicht warum, da Bücher keine Nasen haben.

Unser besonderer Dank hierfür gilt Jeanette Lagall.